„Hauptsache, ich muss nicht verkaufen!“ Das war für Dr. Sylvia Lucht die Bedingung, als sie 2002 bei ORAFOL in der Forschung und Entwicklung (F&E) begann. Heute verantwortet sie als Executive Vice President EMEAI & Material Solutions den strategischen Vertrieb der ORAFOL Business Units Graphic Solutions, Reflective Solutions und Functional Films. Auf den ersten Blick ein Widerspruch. Auf den zweiten ein Beispiel dafür, wie wenig linear Karrieren von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Industrie verlaufen können – und wie viel Chancen sich bieten, wenn man flexibel bleibt.
Industrienahe Forschung: Nah am Markt, tief im Thema
Wie ORAFOL wissenschaftliche Expertise in marktfähige Lösungen übersetzt – und warum moderne Produktentwicklung weit über das Labor hinausgeht.
Dr. Sylvia Lucht hat Lehramt für Mathematik und Physik studiert, im Bereich Physik promoviert und selbst viele Jahre an der Schnittstelle von Wissenschaft und Anwendung gearbeitet. Sie weiß daher aus eigener Erfahrung: „Produktentwickler müssen bei uns das Ohr sehr dicht am Markt haben.“ Denn bei ORAFOL – wie überall in der Industrie – endet der Entwicklungsjob nicht mit einem erfolgreichen Versuch im Labor. Das Ergebnis muss in Produktion, Vertrieb und Anwendung funktionieren.
Genau darum geht es ihr bei industrienaher Forschung: um die Übersetzung von wissenschaftlicher Tiefe in konkrete Lösungen. F&E macht aus Wissen marktfähige Produkte, die technisch überzeugen, wirtschaftlich tragfähig sind – und vor allem ein reales Kundenproblem lösen.
„An der Uni lernt man, Aufgaben alleine zu lösen. Hier in der Industrie muss man über den Tellerrand schauen und sich mit anderen Leuten austauschen, um zur besten Lösung zu kommen.“
Dr. Sylvia Lucht, Executive Vice President EMEAI & Material Solutions
Vom Muster zur marktreifen Folie
Wie das im Alltag aussieht, zeigt Dr. Dominik Badetko. Der Chemiker arbeitet seit gut zwei Jahren bei ORAFOL und ist maßgeblich an der Entwicklung der ORAGUARD®; HelioShield Sonnenschutzfolien beteiligt. Am Anfang steht dabei eine Vielzahl von Fragen: Wie lässt sich Sonneneinstrahlung reduzieren, ohne die Sicht zu stark einzuschränken? Wie stellen wir die Haltbarkeit der Folie sicher? Und vor allem, wie garantieren wir ein marktfähiges Verhältnis zwischen Premiumqualität und Preis – kurz: bleibt sie bezahlbar?
Dr. Badetkos Arbeit beginnt am Labortisch: Dort entstehen zunächst kleine Muster. Funktioniert die Rezeptur, startet die größere Herausforderung: die Übertragung auf einen industriellen Maßstab. Aus einem A4-Muster im Labor soll ein Produkt werden, das auf zwei Meter Breite mit gleichbleibenden Eigenschaften hergestellt wird – Meter für Meter, Rolle für Rolle.
Genau dort, wo er das Produkt bei ORAFOL in einen industriellen Maßstab überführt, braucht es weit mehr als wissenschaftliche Kenntnisse: F&E, Verfahrenstechnik, Produktion und Qualitätssicherung arbeiten eng zusammen, prüfen Proben, passen Parameter an und entwickeln den Prozess bis zur Perfektion weiter. „Wir Entwickler sind ständig im Austausch mit den anderen Bereichen – und so etwas wie die Schnittstelle dabei.“ Hinzu kommt: Ein gutes Produkt muss nicht nur den Endkunden überzeugen, sondern auch die Verarbeiter. Lässt sich die Folie sauber zuschneiden, gut aufrollen, blasenfrei anbringen?
Fachwissen ist die Grundlage – aber nicht alles
Für Entwickler wie ihn bedeutet das schließlich: Fachwissen ist die Grundlage, aber längst nicht alles. Wissenschaftler wie Dr. Badetko steuern bei ORAFOL Projekte, sprechen mit Lieferanten, bewerten Materialien, behalten Kosten im Blick. Und vielleicht am wichtigsten: chemische und technische Zusammenhänge so zu erklären, dass sie auch in Produktion, Kommunikation und Vertrieb auch verstanden werden. Im Prozess, wie sich dieses neue Produkt am besten in den Markt bringen lässt, welche Eigenschaften und Vorteile in den Mittelpunkt gestellt werden können, arbeitet Dominik Badetko intensiv mit dem Vertrieb zusammen. Und zwar nicht nur am ORAFOL Stammsitz in Oranienburg, sondern auch mit den Tochtergesellschaften rund um den Globus. Diese riesige Bandbreite fasst er so zusammen: „An der Uni habe ich mir tiefe Fachkenntnisse erworben. Hier im Entwicklungsalltag brauche ich aber noch viel mehr. Ganz wichtig sind dabei Neugier, Lernbereitschaft, strukturiertes Denken – und die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen.“
„Vollständige Fachkenntnisse erwartet keiner. Wichtig sind Neugier, Lernbereitschaft, strukturiertes Denken – und die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen.“
Dr. Dominik Badetko, R&D Scientist Graphic Solutions
Spezialisten, die über den Tellerrand blicken können
Deshalb sucht ORAFOL aktiv den Austausch mit Hochschulen. Das Unternehmen öffnet seine Türen für Studenten, bietet Praktika und Masterarbeiten an und zeigt, welche beruflichen Wege in einem Industrieunternehmen möglich sind. „Wenn sich Unternehmen nicht auf diese Weise beteiligen, dürfen sie sich auch nicht über fehlenden qualifizierten Nachwuchs beschweren“, sagt Dr. Lucht.
Ihr ist aber wichtig zu betonen, dass Universitäten ihren unabhängigen Auftrag bewahren müssen. „Forschung braucht wissenschaftliche Freiheit. Doch wer später in der Industrie arbeitet, muss erleben können, wie aus einer Idee ein Produkt wird – mit allen technischen, wirtschaftlichen und menschlichen Anforderungen, die dazugehören.“
Für Dr. Sylvia Lucht schließt sich vor dem Hintergrund dieser Aussage auch persönlich ein Kreis. Sie wollte einmal Lehrerin werden, ging in die Forschung, kam zu ORAFOL in die Entwicklung und landete schließlich im Vertrieb. Geblieben ist der Kern: Wissen verständlich machen, Menschen zusammenbringen und Lösungen voranbringen. „Am Ende halten wir ein konkretes Produkt, die Lösung für ein Problem, in der Hand,“ fasst sie zusammen.
„Forschung und Lehre müssen industrienah sein.“
Aus Sicht von Dr. Sylvia Lucht ist genau diese Fähigkeit entscheidend. Für ein berufsfeldbezogenes Gutachten für den Masterstudiengang Physik der Universität Potsdam hat sie dargestellt, welche Anforderungen die Industrie heute an Absolventinnen und Absolventen stellt. Ihr Fazit: Fachliche Exzellenz bleibt die Basis. Was wichtiger wird, ist das Verständnis dafür, Forschung als Teil eines gesamten Wertschöpfungsprozesses zu begreifen.